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Online-Ausgabe: Amoklauf in Emsdetten

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Severin Latkovic

//Am Vormittag des 20. November 2006 kam es zu einem Amoklauf an einer deutschen Realschule in Emsdetten mit 37 Verletzten. Nachdem der Täter, Sebastian B., mehrere Schüsse wahllos auf dem Pausenplatz abgegeben hatte, brachte er sich selbst um.//

Wieso?

Die Frage, die uns beschäftigen sollte, ist wie es dazu kommt, dass sich jemand zu einem solchen Schritt entscheidet. Allzu oft wird aber eben diese in den Medienberichten nur an der Oberfläche angekratzt oder gar ganz falsch ausgelegt. Die Medien interessieren sich mehr dafür, dass der Täter so genannte "Killerspiele" spielte, anstatt nach den wahren Ursachen seiner Tat zu suchen und Politiker fordern sogleich ein Verbot von Killerspielen.

Um den Verdacht nicht nahe zu legen, dass ich, selber Computerspieler, eine einseitige und vorbestimmte Sichtweise hätte, will ich hier ausdrücklich festhalten, dass es nicht abzustreiten ist, dass Videospiele mit exzessiver Gewaltdarstellung nicht komplett unbeteiligt an den Ursachen sind. In einem gewissen Masse kann man sagen, dass sie für psychisch und/oder sozial geschädigte Menschen einen negativen Effekt ausüben können. Einen direkten Einfluss konnte jedoch noch keine Studie nachweisen und solange keine handfesten Beweise vorliegen, muss man davon ausgehen, dass es für die meisten Spieler nicht gilt.

Die reflexartige Zuschiebung der Schuld an die Killerspiele (welche bis heute noch nicht definiert sind. Man redet also von etwas, von dem man nicht einmal weiss, was es ist) ist also komplett unangebracht und zeugt nur von einer Hilflosigkeit im Denken. Überschriften wie „Killerspiele sind Schuld?“ lassen den Leser doch sofort Position beziehen. Da hätte man das Fragezeichen auch ganz weglassen können. Sätze wie "Nach der Tat beging der Schütze, der ein fanatischer Anhänger von PC-"Killerspielen" war, Selbstmord." sind nichts als Hetze.
Aber wieso auch nicht? Computerspiele sind der perfekte Sündenbock. Für die Masse verständlich und greifbar, lenken sie zudem von den wahren Problemen ab. Wen interessiert es da noch, dass im Abschiedsbrief (evtl. bald vom Netz gestellt, wie einige Seiten mit Material zum Fall auch schon) steht „Das einzige, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin.“ oder „Ich verabscheue Menschen“ oder „Ihr habt diese Schlacht begonnen, nicht ich. Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, eine Welt die mich nicht sein lassen will wie ich bin. Ihr habt euch über mich lustig gemacht, dasselbe habe ich nun mit euch getan, ich hatte nur einen ganz anderen Humor!“ oder dass alle Türken in Deutschland vergast werden sollen. Auch für seinen offensichtlichen Militarismus und wie er überhaupt an Waffen (am 21. November hätte er einen Gerichtstermin wegen illegalem Waffenbesitz gehabt!) und Sprengstoffe kommt oder für die Tatsache, dass er zweimal sitzen geblieben ist, ein Aussenseiter war, die in ihm aufgekommenen Aggressionen auf seinem Weblog aufgeschrieben wurden und dass er seine Rache an der Gesellschaft schon vorher im Internet angekündigt hat, mit der Begründung, dass er es nicht länger aushalten kann, in einer für ihn sinnlosen Welt zu leben, die von Hass, Betrug und Konkurrenzdenken bestimmt ist und in der es anscheinend keinen Platz für ihn gibt (und nicht weil er einfach gerne ballert), interessiert sich niemand. Auch die Möglichkeit, dass nicht Spiele ihn zu seiner Tat verleiteten, sondern umgekehrt sein soziales Umfeld ihn erst dazu brachte gewalttätige Spiele zu spielen, um seine Agressionen abzubauen, wird nicht in Erwägung gezogen. Die wahren Ursachen bleiben weiterhin unaufgedeckt, keine Spur von interpretativem Journalismus.

Schliesslich müssten sich Politiker eingestehen, dass sie die Verantwortung dafür tragen, dass ihre Einsparungen im Bildungssektor sich negativ auswirken, die Eltern müssten zugeben, dass sie den Kindern nicht die ihnen zustehende Aufmerksamkeit erbringen, die Gesellschaft müsste sich eingestehen, dass sie selber schuld dafür ist. Solange aber Sündenböcke bestehen (früher waren es Filme und Rockmusik) besteht kein Anlass irgendetwas zu ändern. Das Zitat eines Jugendbeauftragten der Polizei finde ich da sehr passend:
Jugendbeauftragter der Polizei"Die Leute werden überrascht sein, wie viele Amokläufe es nach dem Verbot von Killerspielen noch geben wird."


Quo Vadis?

Ein Verbot von Killerspielen würde rein gar nichts verändern (Videospiele sollen verboten werden, aber der Staat darf mich immer noch in den Krieg schicken um reale Menschen zu töten?). Man muss das Problem bei seinen Wurzeln packen und diese reichen tief, sehr tief.
Bildung muss gefördert, Arbeitslosigkeit bekämpft und ein gesellschaftliches Klima geschaffen werden. Was dazu notwendig ist, soll sich jeder selbst überlegen.

Zuletzt will ich sagen, dass ich die Tat keinesfalls rechtfertigen oder verteidigen will. Was er getan hat, ist falsch. Egal unter welchen Umständen. Was ich verurteile ist die nicht vorhandene Bereitschaft sich mit unangenehmen Themen kritisch auseinanderzusetzen und sich auch einmal selber am Schopf zu packen. Sonst stehen wir in ein paar Jahren wieder vor dem gleichen Bild, nur mit einem anderen Sündenbock.

(Einen sehr lesenswerten Beitrag zum Thema gibt es auf antigames.de)