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Archiv: Schlafende Hunde wecken...

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Silvan Peter

//Eastsound in Concert vom 28.3. bis zum 1.4.2006//
Ein Treffen der Randgruppen. Ein Jazzkonzert. Als erstes Konzert einer Reihe. An einem Dienstag. Von Kantischülern initiiert. Im Kugl. Wenn an diesem Abend auch nur ein paar Leute mehr als wir kommen würden, könnten die Veranstalter wohl bereits von einem gut frequentierten Konzert sprechen. So dachte ich jedenfalls als ich in das nahezu still daliegende Kugl eintrat, das mit seinem schwach erleuchteten Eingang auch nicht gerade dazu beitrug meine Meinung zu ändern.

Drinnen war es jedoch weit voller als ich erwartet hatte. Die St.Galler Kulturgänger hatten zwar noch nicht wirklich viel von der Konzertreihe im Kugl mitgekriegt, aber zumindest die Trogener – vornehmlich ebenfalls Kantischüler – liessen es sich nicht nehmen, die Früchte der Arbeit ihrer Mitschüler persönlich zu inspizieren. Diese Jungunternehmer von der wirtschaftlichen Richtung der Kantonsschule Trogen hatten nämlich Eastsound Music Productions, ein Projekt im Rahmen von YES (Young Enterprise Switzerland) ins Leben gerufen. Im Moment aber hockten sie ziemlich zappelig und redselig hinter der Kasse und füllten bereits fünf Minuten nach dem deklarierten Konzertbeginn den Raum mit überstürzten Entschuldigungen für den verspäteten Beginn. Aller Anfang ist schwer und wie auch der Geschäftsführer der Eastsound Music Productions Martin Egeli sagte, waren die letzten Wochen die stressigsten der Vorbereitungszeit. Sie hatten sehr viel Zeit mit der Auswahl der Bands verloren, denn wie fast alle Gymnasiasten hätten auch die Jungunternehmer jeden Preis für Aufschieben der anstehenden Aufgaben gewonnen.

Der Raum hatte sich mittlerweile fast vollständig gefüllt, auch wenn in den vordersten Reihen mit Polstergruppen Platz geschindet wurde. Eine angenehm friedliche Stimmung hatte sich über die Zuschauer ausgebreitet, als die St.Galler Jazzband Jalazz (sprich: Tschäläss: von Jazz ist läss!) mit ihrem feurigen Intro loslegte. Die erfahrenen Musiker lösten mit ihrem lockeren Auftritt auch noch die letzten Spannungen, die sich zu Beginn eines Konzertes wohl auch bei erfahreneren Organisatoren nie vermeiden lassen. Die Musiker liessen nicht nach doppelten mit einem groovenden Funkjazzstück nach. Nach wenigen Minuten war der Zigarettenqualm jedoch bereits so dicht, dass einem der Teer direkt auf der Haut zu kleben schien und man das Gefühl hatte Wattebällchen zu atmen. Andersherum gesagt: Ich brauchte etwas zu trinken. Noch genauer: ein Bier.

So gestärkt begab ich mich zurück zu meinem Platz an vorderster Front, wo die Leute bereits unruhig wippten, dreinblickten wie stoned – wobei einige nach den Haschischgerüchen, die bereits um sich griffen wie die Beulenpest, wohl auch stoned waren – oder spastisch ihr Bein schüttelten. Auch die Musik hatte nun leider einen kleinen Rückschlag zu verzeichnen gehabt, da die Musiker einen langsamen Popjazz anstimmten, der in der hochschwangeren Luft des Kugl verflog wie Lichter im Nebel.
Jalazz legte wieder los, dass es jedem der tanzbeinschwingenden Zuhörer das Herz höher schlagen liess. Die restliche halbe Stunde war geprägt von ausgedehnten Solis, im Publikum auf enthusiastische Resonanz stossende Überzieher des Saxophonisten und Läufe des Pianisten, die einem das Rückenmark zusammen zogen. Die strenge Zeitplanung liess dann nach der vorgegebenen Stunde nicht eine einzige Zugabe zu und so verschwanden Jalazz einigermassen abrupt von der Bühne.
Der Auftakt zur Konzertreihe war gemacht; in den gedehnten Sekunden der Anspannung für die Organisatoren wohl schon fast Geschichte. Von nun an durften sie sich jeden Abend für fünf Tage zu Konzerten treffen und mussten allerhöchstens hin und wieder die Finanzen hochrechnen um zu schauen, ob sie auf einen grünen Zweig gelangen würden. Zuvor waren die sechs 17- bis 18-jährigen allerdings selten arbeitslos. „Wir wollten ursprünglich nur eine CD für Ostschweizer Nachwuchsbands produzieren.», meint Martin Egeli. Die Bands wollten aber nicht nur eine CD, sondern auch Auftrittsmöglichkeiten und „so wurde mit der Zeit die Idee aber immer weiter entwickelt“. Ihr schliesslich erklärtes Ziel lag dann zum Einen darin aufzuzeigen, was es in der Ostschweiz an Bands gibt und durch diese Aktion vielleicht auch ein wenig einen Fels ins Rollen zu bringen, so dass eine solche Konzertreihe in ein, zwei Jahren wiederholt würde. Quasi Zukunftsmusik. Zum Anderen wollten sie aber keinen Bandcontest veranstalten; die Auftrittsmöglichkeit im Kugl sollte schon der Preis sein.

Der Pianist von Box bei einem seiner ausgedehnten Solis
Der Pianist von Box bei einem seiner ausgedehnten Solis

Die Band Box betrat die Bühne. Ein verzerrtes Rhodes legte los. Genauso ein verzerrter Kontrabass. Die Jazzpuristen sahen schwarz, ich war begeistert. Box, bestehend aus Bassist, Pianist (am Rhodes), Perkussionist und Trompeter, spielte, dass einem der Speichel aus dem Mundwinkel tropfte. Ruhige Stücke, feurige Stücke; Allesamt gewürzt mit gewagten Rhythmen und Stilmitteln aus Funk, Bebop, Boogie Woogie, Blues, Bluegrass und Rock. „Es ist einfach kein Jazz mehr“, meinte ein Zuschauer. Auch Egeli: „Wir wollten an jedem Abend einen grösstmöglichen Kontrast zwischen den beiden Bands schaffen. Deshalb auch Box nach dem eher konventionellen Konzert von Jalazz.“ Box spielte unbeirrt weiter und das Publikum vergönnte es ihnen mit frenetischem Applaus. Die Solis wurden lang und länger, ein Höhepunkt jagte den nächsten, das Publikum tanzte. So ging der Dienstag – zumindest konzertmässig – langsam zu ende und nachdem Box ebenso zugabenlos geendigt hatte, schwankte eine adrenalingeladene Menge auf den Vorplatz des Kugls hinaus.

Eastsound Music Productions


Einen besonderen Zugang zur Ostschweizer Musikszene hatten die Jungunternehmer nicht: Sie kannten sie nicht, sie wollten sie kennen lernen. Aber so ein Projekt hat es eben doch noch in sich und man müsse auf jeden Fall bereit sein eine Menge Zeit zu investieren, meint Martin Egeli und so ist es naheliegend, dass die Jugendlichen ein Thema – eine Branche – wählten, die sie interessierte. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihrer fehlenden Branchenkenntnis gelang es ihnen ohne weitere Schwierigkeiten ein Tonstudio („Tonkultur GmBH“, Patrick Müller) zu finden, das diese CD verhältnismässig günstig herstellen würde. Noch weit weniger Probleme hatten sie bei der Suche nach geeigneten Bands. Sie entwickelten ein intelligentes Gagensystem in welchem jede Band, die angenommen würde, 100 Eintrittsbons erhielt, welche sie an Freunde und Bekannte verschenken konnte. Diese bezahlten an der Kasse 10.- Franken und die Hälfte des Geldes floss dann – Dank dem Bon - direkt zur Band. So konnten die Bands bis 500.- Franken verdienen. Darauf reichten mehr als fünfzig verschiedene Bands ihre Demotapes ein, so dass die Kantischüler regelrecht überrannt wurden und kaum mit dem Anhören der Stücke fertig wurden. Eine Band musste in erster Linie ein stündiges Programm bestreiten können, durfte aber auch keine Coversongs spielen und keinen Plattenvertrag haben. Und sie mussten natürlich ihren Ursprung 25 km um St.Gallen haben. Dass sie eher auf die bekannteren St.Galler Bands setzten, erklären sie dadurch, dass sie zum ersten auf Nummer sicher gehen und keine Bühnenfrischlinge auftreten lassen wollten. Zum zweiten, dass dies einfach die Besten waren. Und zum dritten, dass es eigentlich sowieso keine „bekannten“ St.Galler Bands gibt.

Auch sonst war das Projekt ziemlich zeitintensiv. Um von YES akzeptiert zu werden musste ein Businessplan, ein Marketingkonzept und vor allem eine finanzielle Vorplanung erarbeitet werden. Letzteres erarbeiteten sie, indem sie jede Band verpflichteten, 30 CDs zum Preis von je 20.- zu übernehmen und selbst zu vertreiben. „So können wir die Herstellungskosten zumindest teilweise decken“, sagt Oliver Tschirren, unter dessen Fittichen sich die Finanzen des Projektes befinden. Mit dieser finanziellen Raffinesse kamen die Organisatoren bis jetzt auf einen grünen Zweig. „Wir haben noch ein paar hundert Franken auf der Seite; es wird wahrscheinlich keinen grossen Gewinn geben, aber auch keine Verluste.“, sagt Martin Egeli.

Mein Interesse gilt nach dem Jazz insbesondere dem Freitagabend, als Indie Rock auf dem Programm steht. Und so betrete ich zum zweiten Mal in jener Woche das Kugl, wo ich auf wesentlich mehr Besucher treffe, als noch am Dienstag. Die Leute stehen locker im Raum verteilt. Die Luft ist neblig. Ich bin darauf vorbereitet und eile als erstes zur Bar. Von der angespannten Wir-machen-das-zum-ersten-mal-atmosphäre des ersten Abends ist nichts mehr zu spüren. Der Raum füllt sich weiter. Das Konzert beginnt eine gute Viertelstunde zu spät und niemand zuckt auch nur mit einer Wimper.

Der Bassist der Fools in Aktion bei einem kurzen Solo
Der Bassist der Fools in Aktion bei einem kurzen Solo

The Fools betraten die Bühne. Drei Jungs, die sich so geben, als wäre es ihnen absolut egal bis ans Ende der Welt, was andere von ihnen denken, machen Musik, und was für welche. Allerdings keinen Indierock, was ja angekündigt worden wäre. „Aber die Fools klangen auf ihrem Demotape so cool, dass wir sie einfach nehmen mussten“, gesteht Martin Egeli. Die Fools machen, was ihnen gefällt und das soll so bleiben. Eine Mischung aus 70's, Beatles, Jefferson Airplane und Janis Joplin macht ihre Musik aus, die nicht nur auf Gegenliebe stösst. Nach ‚Come together’ von den Beatles findet ein deutlich über dem Altersdurchschnitt der mehrheitlich jugendlichen Zuhörerschaft liegender Zuhörer, dass es ja klinge wie zu seiner Jugendzeit. Ob dies nun ehr positiv oder negativ konotiert ist, sei dahingestellt. Die Meinungen scheiden sich, aber als der Bassist das erste Mal eine Textzeile in der Kopfstimme singt, tobt der Saal. Allerdings muss man den Kritikern eins lassen, die trogener Band geht kaum ab. So auch Martin Egeli: „Für die Fools war das Kugl wohl noch ein bisschen zu gross. Man merkte schon, dass sie es nicht gewohnt waren vor einem so grossen Publikum zu spielen.“ Allgemein ein sehr umstrittener, aber musikalisch durchaus gelungener Auftakt zum Freitagabend.

Ausser dem Kugl sei eigentlich nur noch das Flon und die Grabenhalle bei der Wahl der Location in Frage gekommen, sagt Martin Egeli. Aber das Flon hat eine schlechte Akustik und bei der Grabenhalle war das Interesse an diesem Projekt nicht so vorhanden, während sie das Kugl gerade wegen ihrem Projekt praktisch gratis bekamen. Die Gymnasiasten waren aber überrascht, dass die Eastsound in Concert Woche für das Kugl doch eine sehr einträgliche darstellte, da sie eigentlich damit gerechnet hatten, dass das Kugl normalerweise höhere Erträge erziele und dass diese Möglichkeit ein grosses Entgegenkommen von Seiten des Kugls sei. Ihre Highlights waren vor allem der Jazzabend, da sie an diesem mit sehr wenig Leuten gerechnet hatten und auch die Auswahl an Bands nicht so gross war. „Wir mussten fast diese zwei Bands nehmen, die aufgetreten sind, da sonst kaum Bewerbungen eingetroffen sind und deshalb waren wir schon froh, dass diese eine gute Show ablieferten.“ Im Grossen und Ganzen sind die Kantischüler sehr zufrieden mit sich und erachten die Konzertreihe trotz einiger Negativstimmen (wie zum Beispiel auch Michael Hasler im St.Galler Tagblatt) als sehr gelungen.
Zum krönenden Abschluss des Freitagabends kommen nun All Ship Shape auf die Bühne. Eine Band, die allen Ernstes daran glaubt, einen völlig neuen Musikstil zu praktizieren. Die Band gibt von Anfang an mit schnellen, harten Songs den Takt durch. Eine Mischung aus Rock, Grounge, Indie und Rock’n’Roll prägt ihre Musik, die man nicht wirklich besonders kreativ nennen kann, dafür aber abgeht, bis einem die Ohren wackeln. Die Musik fetzt durch einen mittlerweile wirklich zum Bersten gefüllten Raum, während sich ein lederjackenbewehrter, sehr amerikanisch anmutender Schwiegermuttertraum vergeblich als Sänger abmüht. Der Rest der Band immerhin – zwei Gitarristen, ein Bassist und ein Schlagzeuger - hält sich recht gut und während der Abend weiter fortschreitet, tanzt die Menge. Die Bühne wird zuweilen von weit über zehn Personen bevölkert, die sich als Fotografen betätigen oder von der Bühne abspringen um crowdsurfing zu machen. Die Stimmung ist der Hammer und der Abend scheint nach dem, aus Sicht der Organisatoren, doch eher verpatzten Auftritt der Fools gerettet. Als All Ship Shape dann das Meisterwerk gelingt, als einzige von zehn Bands der Woche zwei Zugaben abzuliefern ist der Abend perfekt. All Ship Shape spielen bis sie nicht mehr können, da ihnen an jeder Gitarre mindestens eine Saite gerissen ist und selbst dann klingeln die abgefeuerten Gitarrenriffs noch lang nach dem Konzert in den Ohren der Zuhörer. Irgendwann später beginnt dann der DJ des Kugls Techno zu spielen, der Raum leert sich rapide bis auf die wenigen Leute, die musikalisch einfach alles wegstecken können, und ich befinde mich wieder vor dem schwach erleuchteten Kugl.