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Archiv: ECDL: Die Ausbildung zum Informatikguru?

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Jonas Vollmer und Jonas Romer


13. Oktober 2003, 16:45 Uhr, A50. Karl1 hängt gelangweilt in seinem Stuhl und versucht den Formeln seines Informatiklehrers zu folgen: „Variablen und Typdefinitionen dürfen nicht innerhalb der Implementierung einer Funktion...“ Geistesabwesend tippt Karl im Internetbrowser die Adresse einer Game-Seite ein. „Access denied by SurfControl“, steht in roten Lettern geschrieben. Auch das noch!

ECDL
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Schon wenige Jahre später ist der Informatikunterricht abgeschafft und Karl somit von seinen Qualen befreit. Als Alternative zu diesem Unterricht führte die Schulleitung neu einen obligatorischen Lehrgang für Microsoft Office ein: Die ECDL2. Im Selbststudium haben sich hier die Schüler auf vier ECDL-Prüfungen, so genannte Modultests, vorzubereiten. Dazu bietet die „ECDL Switzerland AG“ eine Übungs-CD und eine Art Übungsprüfungen an: „Diagnosetests“.

Der von der Schule verlangte „ECDL-Start“-Test beinhaltet die Module „Textverarbeitung“ im Microsoft Word, „Tabellenkalkulation“ (Excel), „Präsentation“ (PowerPoint) und „Information/Kommunikation“ (Internet Explorer und Outlook). Wem dies nicht genug ist, steht es noch frei, zusätzlich den Freifachunterricht für den „ECDL Plus“-Test zu besuchen. Damit können zusätzliche Kenntnisse in „Grundlagen der Informationstechnologie“, „Computerbenutzung und Dateimanagement“ und „Datenbank“ (Access) erworben werden. Das Ganze geschieht im Microsoft Office 2003. Dabei werden den Schülern und Schülerinnen die wichtigsten Grundlagen der jeweiligen Programme beigebracht. Am Schluss gibt’s einen Test. Wer diese Tests nicht besteht, verliert seine Benutzerrechte an den Schulcomputern in der Bibliothek.

Die ersten Tests wurden bereits Ende März abgelegt. Doch wie eine Umfrage der Redaktion bei 108 Schülern aus verschiedenen Klassen und Schwerpunktfächern der ersten Stufe ergab, blieb die erwartete Begeisterung über die neuen Kenntnisse bei den meisten Schülern aus: Mehr als die Hälfte der Befragten konnte mit ECDL nichts anfangen. Es sei „ein Müll“ und könne „zum Rauchen“ verwendet werden. Nur wenige erkannten wohl den wahren Sinn dieses Zertifikats. Denn wie schon Herr Wigger bei seinem Einführungsreferat zu Beginn des Jahres erläutert hatte, ist es in der heutigen Zeit unverzichtbar, Kenntnisse in Word, Excel und PowerPoint zu haben. Dazu ein Hochschul-Absolvent: „In meinem Studium sind alle Arbeiten im Word-Format zu schreiben, alle Referate mit Hilfe von PowerPoint zu halten.“
Doch andererseits sind die kritischen Stimmen auch zu verstehen, denn für fortgeschrittene Office-Benutzer sind diese teuren Tests überflüssig. Dazu eine Kostenübersicht: Für die „Skills Card“ (Zertifikat), die vier Modul- und Diagnosetests und die Abrechnung müssen nicht verdienende Kantonsschüler CHF 140 hinblättern. Damit sie auch mit der Übungs-CD lernen können, kostet dies weitere 50 Franken. Rund 200 Franken also – obwohl ein Teil der Schüler den Umgang mit Microsoft Office schon problemlos beherrscht. Daher sollte auch „ECDL-Start“ freiwillig angeboten und die Regel mit dem Benutzerrechtsentzug abgeschafft werden. Denn stellt ein Nicht-Office-Kundiger eine bemerkenswerte Gefahr dar?

Weiter wird die Übungs-CD stark bemängelt: Nebst überflüssigen Dialogen mit dem Computer enthält diese CD teils auch ungenügende oder falsche Informationen. Auch wird in den Abschlusstests auf der CD Wissen vorausgesetzt, das in der Praxis nicht benötigt wird. Oder muss ein Word-Benutzer alle Befehle des Menüs „Bearbeiten“ auswendig kennen? Wohl kaum, da dieses Menü laut CHIP.de im neuen Microsoft Office 2007 gar nicht mehr existieren wird.

Fazit: Für die Office-Neulinge lohnt sich ECDL, für die Fortgeschrittenen ist es kostspielige Zeitverschwendung. Wer dieses Zertifikat trotzdem für nützlich hält, obwohl er bereits über die erforderlichen Grundkenntnisse verfügt, kann auf die Übungs-CD und die Diagnosetests verzichten und sich stattdessen unter klickdichschlau.at testen.

Quellen:



1 Name wurde von der Redaktion geändert.
2 European Computer Driving Licence (Europäischer Computer Führerschein)